„Mit einer großen Zahl von Projekten und hohem Kostenaufwand wird versucht, das Elend der Straßenkinder in den bolivianischen Städten zu mildern. Das ist notwendig, doch viele dieser Kinder wären nicht auf der Straße, wenn nicht immer mehr Familien vom Land in die Städte abwanderten, wo sie selbst in den schlimmsten Slums meist bessere Überlebenschancen haben als zu Hause", meinte ein bolivianischer Bischof bei einem Besuch in Deutschland auf die Frage nach der Hauptursache des Straßenkinderproblems. Er warb deshalb dafür, den Menschen auf dem Land dabei zu helfen, ihre Lebensverhältnisse wenigstens so weit zu verbessern, dass sie in ihrer Heimat bleiben können. „Und das heißt vor allem Rückgewinnung der Bodenfruchtbarkeit", so der Bischof.
Ein Großteil der Landbevölkerung lebt auf dem Altiplano, einem in 3.000 - 4.000 Metern Höhe gelegenen Plateau zwischen den beiden Gebirgsketten der Anden. Trotz relativ dichter Besiedelung ist der Altiplano nach wie vor geprägt von einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Andere Erwerbsquellen gibt es für die überwiegend indianische Bevölkerung kaum.
Das Wissen über die Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur erlaubte im andinen Hochland über Jahrtausende hinweg eine ökologisch gesunde Landwirtschaft. In unserer Zeit neu geprägte Begriffe wie „Nachhaltigkeit" waren damals eine Selbstverständlichkeit, d.h., die Menschen haben immer so gewirtschaftet, dass auch die zukünftigen Generationen problemlos ihre Bedürfnisse befriedigen konnten. Dies änderte sich vor einigen Jahrzehnten mit der staatlichen Propagierung „moderner" Anbaumethoden, um die Böden angesichts der wachsenden Bevölkerung intensiver zu nutzen. Außerdem wurden auf Kosten großer Waldflächen und anderer wichtiger Naturräume neue Anbauflächen erschlossen. Geachtet wurde dabei weder auf das im Andenhochland besonders empfindliche Gleichgewicht der Natur noch auf eine ausreichende Ausbildung der Kleinbauern im Umgang mit chemischen Produktionsmitteln. Die Folgen sind vielerorts katastrophal: Vor allem der unsachgemäße Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden hat die Böden ausgelaugt, die zudem durch die verbreitete Abholzung schutzlos der Erosion durch Wind und Regen ausgeliefert sind. Der Verlust der Bodenfruchtbarkeit hat bereits eine große Zahl von Kleinbauern die Existenz gekostet.
Abhilfe versprechen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen allein ökologische Anbaumethoden, nur sie bieten den kleinen Familienbetrieben die Möglichkeit einer zukunftsfähigen Landnutzung. MISEREOR hat auf dem Altiplano bereits eine Reihe von Projekten zum ökologischen Landbau gefördert, u.a. in der südwestlich von Cochabamba gelegenen Provinz Tapacarí. Dort haben die beteiligten Kleinbauern nicht nur erreicht, dass ihre Ernten sicherer geworden sind. Auch ihre Erträge - beim Anbau von Kartoffeln, Mais, Weizen, Gerste, Quinua und Gemüse - sind besser als mit den vorher praktizierten Methoden. Und die Kosten haben sich durch den Verzicht auf teure Chemie erheblich reduziert. Die Abwanderung in die Städte ist in Tapacarí seitdem spürbar zurückgegangen.
Dieser Erfolg hat das Interesse von Kleinbauern in den Nachbarschaftsregionen geweckt, z.B. im Kanton Sacaca, einem der ärmsten Gebiete in ganz Bolivien. Hier hat sich die in Cochabamba ansässige Organisation „Mosoj Causay" bereit erklärt, in zunächst fünf Gemeinden Kleinbauern bei der Umstellung auf eine nachhaltige Landwirtschaft zu begleiten. Der Schwerpunkt liegt auf gemeinschaftlichen Ausbildungsveranstaltungen zu ökologischen Anbaumethoden sowie Einzelberatung bei deren praktischer Umsetzung. Für eine Reihe von kleinen Wiederaufforstungsprojekten mit Nutzholz und Obstbäumen will man eine Baumschule einrichten. Um neue Bewässerungsmöglichkeiten zu schaffen, werden Wasserspeicher gebaut. Kleine Silos sollen eine sichere Lagerung der Ernte ermöglichen. Bei erfolgreichem Verlauf wird das Programm nach zwei Jahren auf weitere Gemeinden ausgedehnt.
Quelle: www.Misereor.de
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